»Sie kennen die alten Analogien die Prosa / ist ein Haus die Poesie ein Mann in Flammen der / ziemlich schnell hindurch rennt.« Anne Carson

Ein wissenschaftliches Handbuch, das in die statistische Mechanik einführt, beginnt mit den Worten »Ludwig Boltzmann, der die meiste Zeit seines Lebens statistische Mechanik studierte, wählte 1906 den Freitod. Paul Ehrenfest, der Boltzmanns Arbeit weiterführte, verstarb 1933 unter den gleichen Umständen. Nun liegt das Studium der statistischen Mechanik an uns.«
Wer wissen will, muss einen Preis zahlen. Deshalb ist so oft von Opfern des wissenschaftlichen Fortschritts die Rede. Hatte Gott einst Abraham ein Opfer aufgetragen, um seinen Glauben zu prüfen, verlangen dies in der Moderne offenbar auch die Statistik und ihre Verwandten. Die wissenschaftliche Weltanschauung besitzt anscheinend ihre eigenen Mysterien. Die Endlichkeit des eigenen irdischen Leibs und das Erkennenwollen ewiger, also unsterblicher, Gesetze stehen in intimer Beziehung zueinander. 
In mancher Hinsicht ist in gängigen Vorstellungen weltlicher Erkenntnis das Echo alter Vorstellungen des Sakralen zu vernehmen: Wurde in europäischen Bildtraditionen das Göttliche lange als Licht dargestellt, übernahm die Aufklärung das Erbe dieses Vokabulars. Sie inszenierte sich als kognitives Feuer und trat mit dem Versprechen an, das Licht der Erkenntnis ins Dunkel des Unwissens zu tragen. Wen kann es da wundern, dass Friedrich Nietzsche den Tod Gottes just in dem Moment erklärte als der Lichtschalter aufkam? Eine beiläufige Handbewegung und es wurde Licht. Das Klicken des Lichtschalters ist der Klang einer Guillotine, die dem Überlebten den Garaus macht. Doch unsterblich und untot sind zweierlei Dinge, scheinen uns die sorgsam arrangierten installativen Ensembles des Künstlers Nino Stelz zuzuflüstern. Und: Interferenzen können sich als wesentlicher erweisen als Enzyklopädien.
Der Plattenbau als materieller Brandschatz erinnert sowohl an sozialistische Visionen des Wohnens für die große Zahl als auch an Bautypologien hochmodernistischer Wohnmaschinen, an eine nüchtern-physikalische Versuchsanordnung wie auch an ein Lichtobjekt innerhalb einer avancierten Disko-Theke. Es handelt sich möglicherweise um Fragmente einer Biografie — die einer Farbe, rot. Die nicht-unschuldige Materialität der Dinge ermöglicht Formen des Erkennens und Zuhause-Seins in der Zeit, werden wir in Stelzls Arbeiten gewahr. Ihrer Physikalität wohnt eine ästhetische und politische Kraft inne. Daher die Unerbittlichkeit mit der mancherorts die alten Arbeiter*innen-Paläste geschleift und Erkenntnis-Straßen umbenannt werden.
Virtuos rückt Stelzl vernakulare und transnationale Vergesellschaftungsformen in die Nähe physikalischer Größen: Klasse und Masse, Affekt und Effekt, Doppler und Bürgerbrause. 
Was sich zu nah an ein schwarzes Loch bewegt, wird von ungeheuren Gravitationskräften verformt und in die Länge gezogen. Es handelt sich um das als »Spagettisierung« bekannt gewordene Phänomen. Doch von welchen sozialen oder astronomischen Kräften ist bei dieser Plastizität eigentlich die Rede? Welche Kausalität wird hier konstatiert? Geld verändert Dich — deshalb bist Du gleich geblieben? Welche Gegenwartsdiagnostik tritt hier zutage, superb oder superbia? Und welcher Imperativ folgt daraus, Orgien statt Sorgien?
Doch nicht nur physikalische, zeithistorische, gesellschaftliche und ästhetische Dimensionen reichen sich in den Arbeiten Stelzl die Hände, um die Verhältnisse künstlerisch zum Tanzen zu bringen. Nahm die kognitive Archäologie die eigentümlichen Ähnlichkeiten zwischen menschlichen Körperformen und anthropomorphen Trinkgefäßen in den Blick, müssen wir uns heute fragen, welcher Flaschengeist die in der Ausstellung gezeigten Konstellationen von alltagsweltlicher Zweisamkeit und existenzieller Einsamkeit inspiriert. 
Ob Glas, Plastik oder Tetra ist schließlich nicht nur eine Frage der Abfalltrennung, sondern auch von Menschenteilung: An ihren Drinks werdet ihr sie erkennen. Das ist das Zeichen an der Wand, hanging around just to be seen. 
Heißt es zur Erklärung meditativer Praktiken, man poliere dabei den Spiegel der eigenen Seele, fragt man sich beim Blick in den Stelzl´schen Spiegel: Welche elektrostatischen oder sonstigen Mächte halten unsere Subjektivität noch zusammen? Nach einer Unterredung mit dem gefürchteten Fürsten von Metternich, berichtete einst ein russischer Diplomat, der österreichische Staatsmann habe ihn an gepressten Staub erinnert. Dann vielleicht doch lieber als Flocke durch Raum schweben. Der Blick auf diese Kunst und in diesen Spiegel ist dem Menschen zuzutrauen. Staring is caring.

Fahim Amir