PETER WEIERMAIR
Rainer und die Frauen
Von expressiver Vergewaltigung zu distanzierter Verehrung

„Rainer und die Frauen“ nennt sich die hier vorliegende umfangreiche Anthologie von Werken, die aus Bildfolgen seit den 1970er Jahren stammen. Der Titel klingt fürs Erste zweideutig, als ob man hier etwas über Rainers erotische und sexuelle Beziehungen, Neigungen und Abenteuer, kurz: sein emotionales Leben, erfahren könnte. Rainers Kontakt zu den im Mittelpunkt seiner fotografischen Vergrößerungen und von ihm entschiedener Ausschnitte mit nachfolgenden malerischen oder zeichnerischen Mitteln überarbeiteten Frauen, die er allesamt nur über die Abbildung kennt, ist vorerst ausschließlich auf seiner Seite ein körperlicher Zugriff. Er operiert mit einem zarten bis heftigen, sanften bis ekstatischen, liebenden bis wütend ablehnenden Impuls. Sieht man von den Porträts der letzten Jahre ab, in denen das Antlitz dominiert, sind es fotografische Bilder aus der Geschichte der profanen Aktdarstellungen, die ihm als Vorlage dienten. 
Rainer war immer an der Mimik, an seinem eigenen Gesichtsausdruck wie dem fremder Personen, und auch der Körpersprache interessiert. Er sammelte über Jahre Materialien, die in seinem umfangreichen Archiv auf seinen Auftritt und Eingriff warteten. Neben druckgrafischen Arbeiten des 19. Jahrhundert waren dies vor allem Fotografien vom Beginn dieser Technik bis in die Zwischenkriegszeit, von denen wir hier viele als Ausgangsmaterial erkennen. 
Woher die Vorlagen in dieser Anthologie stammen, verrät der Künstler nicht. Der weibliche fotografische Akt war bis in die 1920er Jahre vor allem dann in der Öffentlichkeit zugelassen, also augenzwinkernd erlaubt, wenn es sich um Bildvorlagen für bildende Künstler – um sogenannte Akademien – handelte, aber auch um Reproduktionen aus den Bereichen Tanz und Sport, um Abbildungen von Mitgliedern der Freikörperkultur, also mit dem Thema „Der nackte Mensch in seiner natürlichen Umgebung“, sowie von virtuosen Zirkusakrobatinnen, die ihren Körper bis zur Unkenntlichkeit verbiegen konnten. Rainer hat aus all diesen Bereichen, auch den pornografischen Darstellungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die ihm zugänglichen Vorlagen abfotografiert und dabei manchmal nur Ausschnitte der Originalfotografien verwendet. Angesichts der Originalseiten eines Buches von Aktdarstellungen der Nachkriegszeit wird die Absicht des Fotografen deutlich, den Akt im Stile der Glamourfotografie der 1930er Jahre zu behandeln, also die Körper nicht ohne erotische Absicht ins „rechte Licht“ zu rücken. Rainer hat eine Folge dieser kleinen Formate der originalen Buchseiten mit Tusche und Ölkreide überarbeitet, „beschmutzt“, wie er in seinem Titel bemerkt. Die zeichnerische Überarbeitung führt die Bilderzählung weiter („Nach dem Bad vom Maler beschmutzt“). 
In der Regel jedoch spielt die unveränderte Fotografie, also die aus einem Buch gelöste Seite, nicht die Rolle der Vorlage, insofern sie von Rainer schon apriorisch durch Vergrößerung und manchmal auch durch eine generelle farbige Grundierung modifiziert worden ist. 
Das Material also, welches Rainer für den Dialog aussuchte, kommt aus verschiedenen Quellen. Es sind, wie bereits erwähnt, erotische Bilder des 19. Jahrhunderts neben den Akademien, die ja nicht nur bei den Künstlern einen Markt fanden, sondern als diskrete, harmlose Pornografie in den Handel gerieten , eine Serie von Bildern von Akrobatinnen sowie die bereits erwähnten gestellten pornografischen Aufnahmen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Glamourfotografien aus den 1950er Jahren  und Porträts von Schauspielerinnen aus den Anfängen des Films.
In den „Face Farces“ und „Body Poses“ hatte Rainer grundsätzlich Erfahrungen mit dem Medium Fotografie als Subjekt und Objekt der fotografischen Aufnahme gewonnen. Im Unterschied zu den Fotografien der Aktionisten (Mühl, Nitsch, Brus) befasste sich Rainer nicht mit Aktionen, die er dokumentieren wollte, sondern mit Zuständlichkeiten. „Durch die graphische Überarbeitung … wird das Medium der Bildnerei endgültig dominant und primär“, so Rainer; und weiter: „Zu allen meinen Fotoüberarbeitungen trieb mich eine Suche nach Identifikation, Selbstverwandlung, Dialog, Einfühlung, zumindest war es Neugier, Kommunikationsversuch.“(1)
Das, was der Künstler hier in Bezug auf seine Selbstdarstellungen beschreibt, gilt im Großen und Ganzen auch für seine differenzierte Auseinandersetzung mit den Abbildern von Frauen in Porträt und Akt. „Rainer … reagiert in seinen Überarbeitungen auf die Frauenkörper, die ihm nun in Dominanz auf der Bildfläche als fiktive Kommunikationspartnerinnen gegenüberstehen. Die Spuren des Dialogs zeichnen sich dabei nicht nur wie bei den alten Vorlagen als kommentierende Akzentuierungen ab, sondern tragen Züge einer komplex angelegten, emotionalen Auseinandersetzung, die sich mitunter in aggressiv gefärbter Energie in der Überarbeitung niederschlägt. Rainer verletzt, streicht durch, steigert, karikiert, treibt auf die Spitze, akzentuiert und gräbt ein. Stellenweise kommt der Eindruck auf, Rainer reagiere sich in den Überarbeitungen ab und versuche, sich durch die fotografische Schicht zu seinem Partner durchzuarbeiten.“(2)
Der Prozess dieser Auseinandersetzung nimmt – und dies zeigt diese Anthologie sehr gut – ganz unterschiedliche Formen des Einsatzes an. Dieser wechselt von elegantem Lineament, einer den Körper umfassenden und erfassenden taktilen Zeichnung, zur malerischen Überarbeitung, wobei das Fließen und Spritzen der Farbe durchaus die Assoziation mit sexuellen Vorgängen aufkommen lässt. Manchmal wird das fotografische Motiv vollkommen in Farbe ertränkt.
In der Folge „Frauensprache“ – der Titel spielt auf die besondere und eigentümliche weibliche Körpersprache an – macht Rainer durch die Datierung 1977/1991 deutlich, wie lange das angefangene Bild liegen blieb und der Prozess der Auseinandersetzung dauerte, wie sich die emotionale Besetzung veränderte. Diese Bilder gehören zu den malerisch am stärksten überarbeiteten Werken.
Rainers Sprachwitz hat sich immer wieder in der Titelgebung seiner Bilder ausgedrückt. Es sind oft ironische, die Gewalttätigkeit des Strichs aufhebende sprachliche Formulierungen, die vom Ernst der Situation ablenken und einen heiteren Ton tragen. Keineswegs sind sie Beschreibungen des Vorgangs der Überarbeitung selbst. Neben den Folgen fast vollkommener Überarbeitungen, wobei er auch oft in Doppelbildern die Farbe mit der Hand verschmiert, also den Akt „berührt“, zeigen die hier reproduzierten Arbeiten einen großen Reichtum der zeichnerischen Mittel. Die Strichführung ist Ausdruck der unterschiedlichsten Gemütszustände und Gestimmtheiten des Künstlers. Manchmal sind sie voll sexueller Aggressivität, dann wieder von zart erotischem Gefühl, manchmal heftig gestisch zustoßend, dann wieder liebkosend, streichelnd. Das weibliche Geschlecht wird akzentuiert. Das männliche Prinzip des phallischen Eindringens (männliche Figuren hat der Künstler, so sie in seinen Vorlagen auftauchten, rücksichtslos eliminiert) ist manchmal durch die kräftigen, vollen Farbströme präsent. 
In den Arbeiten der letzten Jahre bittet Rainer seine „Schönen“ vor den Vorhang. Sie selbst sind manchmal farbig getönt. Das Porträt dominiert in farbiger Rahmung. Diese Rahmung besteht aus stark farbigen, monochromen, von oben nach unten verlaufenden abstrakten Farbströmen. Die Figuration steht im Kontrast zum abstrakten Rahmen. Manchmal überzieht der Künstler die Porträts mit dünnen farbigen Schleiern, eine Methode, die er erst seit Kurzem praktiziert. Diese Schleier sind ebenfalls für andere Überarbeitungen der letzten Zeit, etwa von Landschaften oder aus der Kunstgeschichte entlehnten Abbildungen, bestimmend geworden. Die hier zugänglich gemachte Sammlung von Motiven aus dem Bereich der Frauendarstellung ist geeignet, die unterschiedlichen stilistischen Zugänge und Felder der Rainer’schen Ausdruckskunst der letzten 40 Jahre vorzuführen.

1 Arnulf Rainer, Hirndrang, hrsg. v. Otto Breicha, Salzburg 1980, S. 146. 
2 Sabine Schnakenberg in: Arnulf Rainer. Female, Ausstellungskat. Museum der Moderne Salzburg, Salzburg 2009, S. 14.